Zwischen Beckenrand und Neuanfang

Wenn Spitzensportler Abschied nehmen

Für Spitzensportler ist das Karriereende kein einzelner Moment, sondern ein langer innerer Prozess. Lisa Mamié und Yannick Käser standen genau vor dieser Entscheidung. Verletzungen, verpasste Olympia-Chancen und persönliche Einschnitte führten zum Sprung vom Becken in ein neues Leben.
von Aisha Mauri
Yannick Käser und Lisa Mamié bei den Kurzbahnweltmeisterschaften in Hangzhou, China. Quelle: z.V.g

Noch einmal vier Jahre investieren oder einen Schlussstrich ziehen? Auf die nächste Olympiade setzen oder sich auf die berufliche Karriere fokussieren? Solche Fragen stellten sich Lisa Mamié und Yannick Käser, kurz bevor sie ihre Karriere beendeten. Damit sind sie keine Ausnahmen. Für die meisten Leistungssportler ist genau dieser Moment ein innerer Konflikt zwischen Traum und Realität, zwischen Ehrgeiz und dem Berufsleben danach.

Im Alter von sieben begann Mamié ihre Schwimmkarriere bei den Limmat Sharks. Seitdem nahm sie an zwei Olympischen Spielen und an mehreren Europa- und Weltmeisterschaften mit grossen Erfolgen teil. Ausserdem ist sie Schweizer Rekordhalterin über alle Brustdisziplinen. «Die Liebe zum Sport war für mich nie von den Resultaten abhängig. Ich hätte auch sonst so lange wie möglich weitergemacht, auch wenn ich nicht so gut gewesen wäre», erklärt sie. Natürlich hatten auch das Studium und die finanziellen Mittel am Schluss einen Einfluss. Die Leistungen haben immer einen direkten Bezug zu der Unterstützung, die Athleten bekommen. Weniger Erfolge führen dazu, dass man sich mehr auf das Studium konzentriert und somit weniger auf das Schwimmen. Dazu kommt, dass für viele Sportarten alles an den olympischen Zyklus anpasst wird und deshalb treten auch viele Athleten nach den Spielen zurück.

Im Sommer 2025 brachten anhaltende Schulterprobleme eine schwierige Entscheidung auf. Eine Operation hätte eine lange Pause und einen Neustart im Jahr vor der Olympiade bedeutet. Ohne Eingriff hätte sie ihr Potenzial nicht mehr voll ausschöpfen können. Die Kombination aus den körperlichen Einschränkungen und dem Zeitpunkt in ihrem Leben wurde letztlich zum entscheidenden Faktor. Sie hielt es für den richtigen Moment den Schritt in das Berufsleben zu starten. Somit beendete sie ihre Karriere im November.

«Am Anfang wollte ich es mir nicht eingestehen. Wir alle, mein Trainer, meine Eltern und ich, wussten, dass es sehr schwierig werden würde», sagt sie. Dennoch standen ihr Trainer und ihre Eltern immer vollkommen hinter ihr. «Ihnen war wichtig, dass ich die Entscheidung aufzuhören für mich akzeptiere und voll dahinterstehen kann.»

Noch während ihrer aktiven Karriere begann sie ihren Bachelor in Sprachen und arbeitete mehrere Jahre an diesem. Sie ging fast nie in die Vorlesungen wegen den Trainings und Wettkämpfen. Dies änderte sich jedoch im November, nachdem sie mit dem Spitzensport aufgehört hatte. An der Universität traf sie viele neue Menschen, welche sie nicht durch den Sport kannten. Sie sahen auch all ihre andere Ziele und Träume, wie zum Beispiel eine Familie zu gründen. «Für mich war schon immer klar, dass ich später entweder im Fernsehen oder als Lehrerin arbeiten möchte», sagt sie. Heute unterrichtet sie als Ersatzlehrerin Französisch an einem Gymnasium in Zürich.

Der Weg zur Entscheidung

Yannick Käser ging hingegen einen anderen Weg. Der Schweizer Rekordhalter über 200 Meter Brust und zweifache Olympia-Teilnehmer ist nun Vereinspräsident im Schwimmclub Limmat Sharks Zürich. Dazu arbeitet er als Strategie- und Geschäftsführungsmanager in einem wachsenden Startup. Käser studierte parallel zu seiner Schwimmkarriere Betriebswirtschaft mit Fokus auf Innovation und Digitalisierung. Später absolvierte er einen Master in Unternehmensführung an der Hochschule St. Gallen. Sowohl das Bachelor- als auch das Masterstudium fanden während seiner aktiven Karriere statt, also vor dem endgültigen Karriereende 2021.

«Im Schwimmsport war ich an ganz oben, danach wieder einer von vielen. Deshalb habe ich in ein Startup gewechselt, wo ich wieder an der Spitze mitbestimmen und etwas bewegen kann», erzählt er.

Die Entscheidung, den Profisport hinter sich zu lassen, geschieht für viele Athleten nicht von heute auf morgen. Käser machte sich zwei, drei Jahre vorher schon Gedanken. Zwar habe er sich lange mit dem möglichen Karriereende beschäftigt. Doch das 2021 tatsächlich sein letzter Wettkampf sein würde, sei ihm damals noch nicht bewusst gewesen, sagt er. Immer wieder wog er zwischen dem Ziel, weitere internationale Wettkämpfe zu absolvieren, und dem Start in einen beruflichen Neuanfang ab. «Für mich war früh klar, dass ich mich irgendwann entscheiden muss. Letztlich habe ich gemerkt, dass ich sportlich nicht mehr den grossen Sprung machen kann und gleichzeitig bereit für die Zeit danach bin.»

Vor den Europameisterschaften 2021 in Budapest, die letzte Qualifikationschance für die Olympiade in Tokyo, erhielt er eine erschreckende Nachricht. Nach einem auffälligen Antidopingtest unterzog er sich mehreren Check-ups. Bei den Untersuchungen wurde Krebs festgestellt, glücklicherweise aber in einem sehr frühen Stadium. Er nahm dennoch an der EM teil, jedoch qualifizierte er sich nicht für die Olympischen Spiele. Schlussendlich entschied er sich nach der Kurzbahnschweizermeisterschaft vom Leistungssport Abschied zu nehmen.

«Der Sport fehlt mir.»

Sowohl Mamié als auch Käser hatten bereits während ihrer aktiven Karriere parallel studiert. Nach dem Karriereende konnte Mamié sich voll auf ihren Master konzentrieren, während Käser zunächst herausfinden musste, wie er seine neu gewonnene Freiheit sinnvoll nutzen wollte. «Im Sport war alles klar: Training, Studium, Regeneration, jeder Tag war durchgeplant. Plötzlich hatte ich die Autonomie, aber auch die Verantwortung, selbst zu entscheiden, wie ich meine Zeit fülle», erzählt er. Diese Phase nutzte er, um verschiedene berufliche Möglichkeiten auszuprobieren und herauszufinden, wie er seine Erfahrungen aus Sport und Studium kombinieren konnte.

Für beide war der Übergang vom Spitzensport in den Alltag ein Prozess, bei dem sie lernen mussten, ihre Zeit neu zu strukturieren und gleichzeitig ihren sportlichen Antrieb anders zu investieren.

Mamié erzählt, dass sie eine Person ist, die Bewegung braucht. Sie versucht täglich ein bis zwei Stunden Sport zu treiben. Jedoch merkt sie am Abend nach der Arbeit jeweils, dass die Kraft manchmal fehlt. «Vor allem wenn ich schwimme, wird mir bewusst, wie sehr mir dieser Sport fehlt», sagt sie.

Als sie gefragt wird, was sie am Leistungssport weniger vermisst, überlegte sie lange. Sie liebte alles an ihrem Sport, das Erste, was ihr einfällt, ist das frühe Aufstehen. Doch dies ist auch ein Bestandteil ihres neuen Berufes. Käser hingegen staunt heute darüber, wie er damals die intensiven Trainings überhaupt bewältigt hat.

Frühzeitig ans Ende denken

Lisa Mamié rät jungen Athletinnen und Athleten offen über ihre Zukunft nachzudenken und darüber zu sprechen, sei es mit einer Psychologin, der Familie oder engen Freunden. «Es ist wichtig sich bewusst zu sein, dass man noch viel mehr ist als nur der Sport, den man ausübt», betont sie. Ähnlich sieht es Yannick Käser. Er empfiehlt frühzeitig einen Plan B zu entwickeln und bereits während der aktiven Karriere Erfahrungen und Fähigkeiten aufzubauen, die den Übergang in das Berufsleben erleichtern. Beide betonen, dass diese Vorbereitung Sicherheit gebe und den Schritt nach dem Spitzensport deutlich leichter mache.