Politik und Jugend

Meinungsbildung bei Jugendlichen: Worauf kommt es an?

Viele junge Menschen nehmen Politik kaum wahr, trotzdem bildet sich ihre politische Haltung schon früh. Familie, Freundeskreis und Erfahrungen prägen die Überzeugungen lange bevor echtes Interesse entsteht.
von Theo Diener und Adrian Urech

Trotz auffälligen Wahlplakaten und Social Media Beiträge bleibt das Interesse der jungen Menschen für die bevorstehenden Wahlen gering. Foto: Theo Diener

Das Stadtbild ist seit Wochen von Wahlplakaten geprägt. Am Sonntag, dem 8. März, wird in Zürich der Stadtrat und das Präsidium neu gewählt. SP-Politikerin Corine Mauch tritt nach 17 Jahren als Stadtpräsidentin zurück. Einer der neuen Kandidaten ist FDP-Mann Përparim Avdili, der mit neuen Wahlkampfmethoden überzeugen will. Gemeinsam mit dem Zürcher Rapper EAZ mit kosovarischen Wurzeln hat er den Rap «Eine vo ois» veröffentlicht. Der Rap greift seine albanische Herkunft und die einfachen Verhältnisse der Familie auf. Damit will er junge Zürcherinnen und Züricher zur Wahl animieren.

Der Zürcher Rapper EAZ und der Zürcher Stapi-Kandidat der FDP, Përparim Avdili, haben gemeinsam einen Song produziert. Video: Youtube

Bei einer nicht-repräsentativen Strassenumfrage unter jungen Menschen in Zürich zeigt sich das Gegenteil. Stellvertretend für viele sagte ein Jugendlicher: «Also, wenn ich ehrlich bin, habe ich das nicht mitbekommen.» Auch andere Befragte zucken mit den Schultern. Obwohl Medien wie 20 Minuten, Blick und TeleZüri in den sozialen Medien darüber berichtet haben, scheint die grosse Aufmerksamkeit ausgeblieben.

Politik hat kaum Bedeutung im Alltag junger Menschen

Viele Umfrageteilnehmende zeigen generell wenig Interesse an Politik. Wenn sie sich über Politik informieren, dann vor allem über SRF. Soziale Medien spielen eine überraschend kleine Rolle. Politik und Unterhaltung werden von vielen Jugendlichen bewusst getrennt: Tiktok ist für Videos, Instagram für Freunde und politische Inhalte passen für sie nicht in diesen Bereich.

Das bestätigt auch die JAMES-Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Demnach nutzen rund 85 Prozent der Jugendlichen soziale Medien hauptsächlich zur Unterhaltung und nur etwa 10 bis 15 Prozent, um politische Informationen zu erhalten.

Der Wahlkampf zielt auf die Jugend ab, doch die Jugend scheint nicht zu reagieren. Obwohl es genau in dieser Zeit besonders bedeutend wäre.

Politische Meinungsbildung in jungen Jahren

Die Lebensjahren, in denen die politische Meinung ausgebildet wird, werden in der politikwissenschaftlichen Forschung als Zeitraum bis zur Erreichung des 25. Lebensjahres definiert.

Dies bestätigt Jonas Ineichen von der Universität Zürich, der in im Rahmen seiner Doktorarbeit die politische Beteiligung von jungen Menschen untersucht. Nach wie vor werde die politische Meinung vorwiegend zu Hause gebildet, sagt Ineichen. «Kinder sehen, was die Eltern machen und wollen das nachahmen.» In jungen Jahren habe man bereits ein Grundverständnis für Fairness und Gerechtigkeit und eine Vorstellung davon, wie man die Welt gestalten möchte. «In der Jugend und im frühen Erwachsenenalter verfestigt sich diese Meinung durch den Einfluss der Medien, den Freundeskreis und die Schule.

Politikwissenschaftler Jonas Ineichen erforscht in seiner Doktorarbeit die politische Beteiligung junger Menschen. Foto: Adrian Urech

Das Besondere: «Sowohl in den sozialen Medien als auch im Freundeskreis hält man sich bevorzugt in Gruppen mit ähnlicher Meinung auf», sagt der Doktorand. Dass führe dazu, dass Diskussionen im eigenen Umfeld die eigene Meinung oft verfestigen. Es passiere eher selten, dass eine einzelne Diskussion die eigene Sicht auf die Welt radikal verändere. «Die Suche nach Personen mit ähnlichen Ansichten ist ein urmenschliches Verhalten. Was sich verändert hat, ist dass es durch die sozialen Medien zusätzliche Kanäle gibt, wo man sich zusätzliche Informationen holen kann.»

Meinung bleibt konstant

Ab dem 25. Lebensjahr verfestige sich zudem die eigene Weltsicht und politische Meinung. Diese verändere sich danach kaum mehr. «Normalerweise wechselt ein 50-Jähriger nicht plötzlich von der SVP zur SP.» Es sei denn, es gäbe ein einschneidendes globales Ereignis, wie beispielsweise die Corona Pandemie oder persönliche Schicksaalschläge. Solche Ereignisse könnten eine Radikalisierung oder Anpassung von Meinungen zur Folge haben, selbst bei älteren Personen.

Was heisst das nun?

Auch wenn viele junge Erwachsene Politik derzeit nur am Rand wahrnehmen, entsteht ihre Haltung Schritt für Schritt durch Erfahrungen, Gespräche und Orientierung im eigenen Umfeld. Mit zunehmender Selbstständigkeit wächst meist auch das Bedürfnis, sich einzubringen und Position zu beziehen. Oder wie es ein junger Mann sagt: «Ich weiss, dass man sich für Politik interessieren sollte, aber wirklich spannend ist es für mich nicht. Ich denke aber, dass mein Interesse in den nächsten Jahren zunehmend wachsen wird.»

Ob die Wahlkampfmethode von Përparim Avdili funktioniert, zeigt sich am 8. März an der Urne.