Techfirma in Zürich

Der Milliardenkonzern ohne Schild an der Tür

Palantir steht für den Boom internationaler Tech-Firmen in Zürich, doch auch für die Spannungen, die dieser mit sich bringt.
von Mathis Jetter und Martin Brabec
Techriese Palantir hat im letzten Jahr grosse Profite gemacht. Foto: Keystone, Gian Ehrenzeller

Die Firma Palantir Technologies, der US-amerikanischer Softwareanbieter, ist auf dem Aktienmarkt wertvoller als Nestlé und die UBS zusammen und wächst täglich weiter. Das gilt auch für die Kritik – es macht mit seiner Überwachungs-Software und den aufsehenerregenden Aussagen der Leitung für Schalgzeilen. 2021 kam Palantir in die Schweiz – zunächst nach Altendorf im Kanton Schwyz. Mittlerweile hat das Unternehmen einen Standort in Zürich.

Was die Firma hier tut, darüber ist jedoch wenig bekannt.

Auch Schweizer Firmen arbeiten mit ihrer Software

Das börsennotierte Unternehmen wurde 2004 gegründet und hat seinen Hauptsitz in Denver (Colorado), Geschäftsführer ist Alexander Karp. Sein Co-Founder, Peter Thiel, der auch bei der Gründung von PayPal beteiligt war, ist ein bekannteres Gesicht in den Medien. Mit demokratiekritischen und frauenfeindlichen Aussagen sorgt der Milliardär mit deutschen Wurzeln schon oft für Aufsehen.

Palantir entwickelt unter anderen Softwares für militärische und geheim­dienstliche Zwecke. Die umstrittene amerikanische Einwanderung- und Grenzschutzbehörde ICE benutzt eine Palantir-Software, um Migrantinnen aufzuspüren. Und auch die israelische Armee verwendet eine Palantir-Software, unter anderem auch in Gaza.

Die Schweizer Regierung hat, unter anderem wegen Datenschutzüberlegungen, bis jetzt noch nicht mit Palantir zusammengearbeitet. Aber immer wieder gibt es informelle Gespräche. Mit Novartis und Swiss Re setzen zwei Schweizer Unternehmen bereits auf Palantir-Software.

Spurensuche nach den Zürcher Büros

Eine einfache Google-Suche befördert eine Adresse an der Zürcher Löwenstrasse zutage. Vor Ort deutet jedoch nichts auf die Firma Palantir hin. Auf der Firmentafel im Eingang ist der Name nicht vermerkt. Andere Mieter im Geschäftsgebäude wissen auf Anfrage dieser Redaktion nichts vom Unternehmen – sie haben den Namen dieser Firma noch nie gehört, geschweige denn am Türschild gelesen.

An der Zürcher Löwenstrasse 20 ist Palantir auf dem Firmenschild nicht vertreten. Fotograf: Mathis Jetter

Am anderen Hauptsitz am Bahnhofplatz – gemäss Recherche der Online-Plattform Repbulik – deutet ebenfalls nichts auf die Firma hin.

Telefonische und schriftliche Anfragen dieser Redaktion zum Standort Zürich wurden von Palantir nicht beantwortet.

Forschung lockt die Firmen nach Zürich

Palantir ist nicht der einzige Tech-Konzern in Zürich. Neben Google und IBM forschen heute auch Meta, OpenAI und Microsoft in und um Zürich. Das Standortmarkting der Stadt lockt die Firmen auch aktiv an, obwohl die GreaterZurichArea behauptet gegenüber der „Repulbik“ behauptet hat, Palantir nie direkt angefragt zu haben.

Dennoch bleibt die Frage: Was macht die vergleichsweise kleine Stadt Zürich für diese Unternehmen so interessant?

Eine Antwort liefert der Zürcher Ökonom Michael Baltensperger: “Tech-Firmen kommen nach Zürich, weil sie hier nahe an den Studierenden und Absolventen der ETH sind und diese so einfacher anwerben können.” Die Technische Hochschule gehöre vor allem in der Robotik- und KI- Forschung – aber nicht nur – zur absoluten Weltspitze und würde hoch ausgebildete Fachkräfte hervorbringen. Die internationalen Firmen würden darum auch oft Kollaborationen mit den Professoren und Lehrstühlen der ETH unterhalten, sagt Baltensperger.

Laut Ökonom Michael Baltensperger kommen viele Techfirmen wegen der Nähe zur ETH. Fotograf: Marco Blessano

Zürich sei auch ein attraktiver Standort, weil die Firmen dank der Personenfreizügigkeit Menschen aus der EU einfach einstellen könnten und diese Leute dank der hohen Lebensqualität kämen, erklärt der Ökonom weiter. “Auch die im internationalen Vergleich eher tiefen Firmen- und Personensteuern zieht die grossen Firmen hierher.” Und zuletzt sei auch die Nähe zum Flughafen ein Faktor, der internationale Firmen und ihr Personal nach Zürich locke, sagt Baltensperger.

Konkurenz mit hohen Preisen

Hat das zur Folge, dass einheimische Firmen verdrängt werden? Das müsse nicht sein, sagt der Ökonom. “Mit jeder zusätzlichen Firma wird das Ökosystem in Zürich stärker und damit attraktiver für weitere Firmen. Das kann auch den einheimischen Unternehmen Schub verleihen.” Zudem würden neue Arbeitsplätze zusätzliche Steuereinnahmen generieren und den Technologie-Standort Zürich global zusätzlich vernetzen. Doch es gibt auch Schattenseiten: Angestammte Firmen, die aus demselben Pool Personal rekrutierten wie die Tech-Firmen, müssten höhere Löhne bezahlen, sagt Baltensperger. Das sei zwar gut für die Angestellten, aber nicht für die betroffenen Zürcher Firmen.

Dass sich Zürich immer mehr zu einem führenden europäischen Tech-Hub entwickelt, sei auch für die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt spürbar, sagt Baltensperger. “Das schnelle Bevölkerungswachstum führt zu Überlastungskosten.” Baltensperger erklärt: Da diese Firmen auch Personal aus dem Ausland nach Zürich holten, und diese Personen meistens auch noch ein überdurchschnittliches Salär haben würden, erhöhe das die Nachfrage nach Wohnfläche. “Wenn das Angebot an Wohnfläche nicht mithalten kann, erhöhen sich die Mietpreise.” Danach sehe es momentan in Zürich aus.

Mit der wachsenden Anziehungskraft von Zürich und den immer neuen Zuzügen von grossen Tech-Konzernen dürfte sich dieses Spannungsfeld noch mehr akzentuieren. Und genau in dieses Spannungsfeld passt auch Palantir Technologies – ein internationaler Konzern, der kaum greifbar ist.