Starcoiffeur am Limmatplatz

Der Mann hinter den Frisuren der Fussballstars

Mit zwölf Jahren war er allein auf der Flucht, heute fliegt er für die internationalen Fussballstars um die halbe Welt. Wie der 23-jährige Küsnachter Robiel Meharena zum Starcoiffeur wurde.
von Thomas Füstös und Rémy Frick

Der 23-jährige Robiel Meharena in seinem Salon am Limmatplatz. Foto: Thomas Füstös

November 2024, die AC Milan schlägt Real Madrid auswärts mit 3:1. In den sozialen Medien gehen nicht nur die Qualitäten der Italiener am Ball viral, sondern auch ihre neuen Frisuren. Rafael Leão, der mit einer Torvorlage glänzt, scheint mit seiner ausgefallenen Flechtfrisur unaufhaltbar zu sein. Und das Video, das Leão mit seinem Coiffeur zeigt, erzielt in den sozialen Medien 3 Millionen Aufrufe.

Robiel Meharena frisierte Rafael Leão vor seinem 3:1 Sieg gegen Real Madrid. Foto: Screenshot Instagram robra_cutz02

Doch wer ist der Mann hinter diesen ausgefallenen Frisuren?

Er heisst Robiel Meharena, ist 23 Jahre alt und wohnt in Küsnacht ZH. Unter dem Namen RobraCutz zählt er heute zu den gefragtesten Barbern des Landes. Er wuchs in Eritrea auf, durchquerte mit zwölf Jahren mehrere Länder zu Fuss und mit dem Boot und landete schliesslich in der Schweiz. In seinem Salon am Limmatplatz gehören sämtliche Nati-Spieler wie Noah Okafor, Manuel Akanji oder Xherdan Shaqiri, aber auch internationale Stars wie Rafael Leão zu seinen regelmässigen Kunden. Dass er an Wochenenden in andere Länder eingeflogen wird, vor Fussballspielen ganzen Championsleague Teams frische Frisuren schneidet und Monate im Voraus ausgebucht ist, hätte er sich nie vorstellen können, als er alleine im Flüchtlingsheim in Chiasso aufgenommen wurde.

«Die Gefahren waren mir nicht bewusst»

Doch von Anfang an: Durch seinen Onkel, der bereits in der Schweiz lebte, bekam Robiel immer wieder zu hören, wie schön und sicher das Leben in der Schweiz ist. Das bewegte auch ihn dazu, zu flüchten. Mit zwölf Jahren begann für ihn also ein Weg, der alles veränderte. Wenn der junge Mann erzählt, wirkt es, als ob es eine normale Reise gewesen wäre. «In dem Alter hatte ich keine Angst, die Gefahren waren mir gar nicht bewusst, aber die Hoffnung war gross».

Die Flucht führte den 12-Jährigen über Äthiopien, Sudan, Libyen und Italien in die Schweiz. Angekommen in der Schweiz lebte er vorübergehend im Flüchtlingsheim in Chiasso, später in einem Kinderheim in Affoltern am Albis. Sein Vater sei einige Monate nach ihm auch in die Schweiz gekommen und so hätten sie zusammen in eine Wohnung in Küsnacht ziehen können, erzählt Robiel. Später sei auch sein älterer Bruder in die Schweiz geflohen. Zuletzt durfte die Mutter ins Land einreisen. So wurde die Familie Schritt für Schritt wieder vereint. Noch heute lebten sie alle gemeinsam in Küsnacht, erzählt Robiel.

Schon als Lehrling ausgebucht

Nach der Schule begann Robiel eine Lehre als Sanitär. Währenddessen absolvierte er ein Praktikum in einem Friseursalon. Dort habe er gemerkt, dass ihm die Arbeit mit Haaren und der direkte Kontakt zu den Menschen mehr liege als alles andere, erzählt er.

2021 begann er seine Friseurlehre im Niederdorf. Anfangs schnitt er vor allem mit Schere und Kamm, kaum mit der Maschine. Dass er auch «klassisch» schneiden kann, unterscheide ihn von den meisten andern Barbern in Zürich. «Schon in meinen ersten Lehrjahren war ich immer ausgebucht, ich hatte mehr Kunden als mein Lehrmeister», erzählt er nicht ohne Stolz.

Nach seinem Lehrabschluss machte er sich mit nur 21 Jahren bereits selbstständig und mietete einen Stuhl in einem Coiffeursalon in Wiedikon. So baute er sich schon zum Beginn seiner noch jungen Karriere Schritt für Schritt eine Stammkundschaft auf.

Sein heutiger Arbeitsplatz liegt direkt an der Kornhausbrücke am Limmatplatz. Der nach ihm benannte Laden «Robra Cutz» liegt mitten im Quartier. Drinnen stehen zwei Stühle, die er sich mit mit seinem Freund Serhat teilt. Sind die Kunden nicht gesprächig, unterhalten sich die beiden miteinander. Serhat und Robiel kennen sich seit ihren ersten Tagen als Barber. Konkurrenz gibt es nicht, jeder habe seine eigene Kundschaft, sagt Robiel.

Zwischen den grossen Spiegeln und dunklen Ledersesseln fällt etwas besonders auf: die Lamborghini Schneidmaschinen. Wie die namensgleichen Sportwagen sind auch diese Maschinen die besten in ihrer Klasse. «Mir ist es wichtig bei jedem Kunden präzise zu arbeiten, und das geht nicht mit jeder Maschine», sagt Robiel.

Robiel setzt auf qualitative Ausrüstung – wie zum Beispiel seine Lamborghini Haarschneidemaschinen. Foto: Thomas Füstös

Sein Arbeitstag beginne um zehn Uhr morgens. Termin folge auf Termin, oft ohne längere Pausen, bis gegen sieben Uhr abends der letzte Kunde den Salon verlässt. Danach gehe es für ihn meist direkt ins Fitnessstudio, ein fixer Bestandteil seines Alltags. Kurztrips nach Madrid oder Mailand, gemeinsames Essen mit Fussballprofis und Einblicke in die Welt des Spitzenfussballs gehören inzwischen ebenfalls zu seinem Alltag. Viele seiner Kunden kommen seit Jahren regelmässig zu ihm. «Für mich ist jeder Kunde wie Familie», sagt Robiel.

Noah Okafor brachte den Durchbruch

Der Zugang zur Profiszene entwickelte sich schrittweise. Durch Social Media wurde der Schweizer Nati-Spieler Noah Okafor auf ihn aufmerksam. Schnell wurde er zum Stammgast, und Robiel reiste mit ihm um die Welt. Nicht selten fliegt er nach Italien, um dort Okafor und seinen Teamkollegen der AC-Milan die Haare zu schneiden. Die Videos, wie Robiel den Profis die Haare schnitt, verbreiteten sich schnell in den sozialen Medien und führten dazu, dass immer neue Fussballer im Laden auftauchten.

Mit der wachsenden Bekanntheit veränderte sich auch sein Alltag. An vielen Wochenenden sitze er im Flugzeug, erzählt Robiel. Vor grossen Spielen schneidet er meist mehreren Profis aus einem Team die Haare, oft unter Zeitdruck. Manchmal bleibe er anschliessend noch für den Match im Stadion, eingeladen von den Spielern. Nach aussen wirkt dieses Leben privilegiert. Die Realität sei jedoch auch fordernd: «Ich schlafe teilweise nur drei Stunden, und muss trotzdem bei jedem Haarschnitt meine beste Arbeit liefern.»

Durch den AC Milan-Spieler Noah Okafor (links) kam Robiel in Kontakt mit der Profifussballszene. Foto: Screenshot Instagram robra_cutz02

Für die Zukunft hat der junge Barber klare Vorstellungen und Ziele: «Ein eigener Laden in Zürich steht bei mir ganz oben auf der Liste, auch wenn die Mietpreise in der Innenstadt sehr hoch sind.» Und sein grösster Traum sei es, eines Tages Cristiano Ronaldo die Haare zu schneiden.

Neben dem Beruf denkt er auch an sein privates Leben. Irgendwann möchte er in eine eigene Wohnung ziehen und vielleicht einmal eine eigene Familie gründen. «Der Weg von Eritrea bis hierhin hat mir gezeigt, dass mit harter Arbeit, viel Energie und auch ein wenig Glück alles möglich ist.»